Das Bessere ist des Guten Feind. Nach diesem Motto stellt BERGOS eine Yamaha WR 445 auf die Räder. Anmanchen Tagen breitet sich in der Testredaktion besondere Vorfreude aus. Unruhig wird es bei den Redakteuren vor allem dann, wenn ein komplett neues Modell zum ersten Testritt erscheint. Oder etwa, wenn sich die Gelegenheit ergibt, ein echtes Werksbike im Gelände zu bewegen.
Heute warten wir gespannt auf die erste Begegnung mit der Yamaha WR445. Nein, das ist nicht die japanische Großoffensive gegen europäische Sportenduros. Hier handelt es sich um BERGOS Beitrag für alle Hardenduristen, die nie genug haben können. Genug wovon? Leistung natürlich. Denn nicht erst seit seiner spektakulären KTM LC4 mit 709 Kubik und fast 70 PS hat Axel Bergfeld einen klingenden Namen in der Szene. BERGOS steht für Power satt bei gleichzeitiger Standfestlgkeit und guten Alltagseigenschaften.
Etwas zu Unrecht ist Bergfeld in letzter Zeit hauptsächlich.auf Super-Moto abonniert. Natürlich ist Power nirgends wichtiger als bei der 17-Zoll-Fraktion, und der Chef des Hauses mischt ja auch selbst tatkräftig im Renngeschehen mit. Neben dem breiten Super-Moto - Sortiment hat man in Bielefeld aber auch für die klassische Sportenduro einiges in der Schublade. Nun wurde in der Tuning Werkstatt also eine serienmäßige Yamaha WR400Fins Gebet genommen. Am Anfang der Leistungskur steht immer eine solide Hubraumerhöhung. Die WR400 bekommt einen geschmiedeten JE-Kolben mit 94 mm Durchmesser. Der Zylinder wird vom Serienmaß 92 mm entsprechend aufgebohrt und neu beschichtet. Die Kurbelwelle wird auf einen Hub von 64,2 mm umgearbeitet, in Verbindung mit dem speziellen Kolben ist keine Distanzplatte für den Zylinderfuß erforderlich. Kanalbearbeitung mit Flow-Bench-Test und Tornado Nockenwellen mit einstellbaren Steuerkettenrädern komplettieren die edle Behandlung. Das Ergebnis kann sich sehenlassen: 445 Kubikzentimeter bei einer Verdichtung von 12,7.
Bevor die Testcrew auf Bergos Power-Yamaha losgelassen wird, muss der Einzylinder auf den Leistungs-Prüfstand. Das Diagramm zeigt 50 PS am Hinterrad, fast zehn PS mehr als bei der Serie. Das wollten wir wissen, jetzt geht's ins Gelände. Für unsere WR445 haben wir die klassische Geländerunde geplant mit anschließendem Finale auf einem Rundkurs. Das bedeutet: rund 60 Kilometer querfeldein mit vielen langsamen und schwierigen Passagen, aufgelockert durch kurze Speed-Stücke. Das Wetter ist trotz Hochsommer nass und kühl, die Begleitung besteht aus hubraumstärkeren KTM und Husaberg, die nur darauf warten, ihre Leistung auszuspielen. Bis die Yamaha auf Betriebstemperatur ist, geht es locker über feuchte Wald- und Feldwege. Beim ersten Stopschild fällt dann der Startschuss: Hahn auf und quer über die abgeernteten Felder. Während sich die 445er bisher im untersten Bereich nur unwesentlich von der Serie unterscheidet, kommt nun die Offenbarung. Mit brachialem Temperament dreht der getunte Single hoch und macht ohne jede Schwäche enorm Druck über den ganzen Bereich. Die gebotene Leistung ist beeindruckend, die eigentliche Faszination geht aber von der Charakteristik aus. Kein hochgezüchtetes Tuning Teil mit konzentrierter Leistungsspitze und schmalem Drehzahlband. Im Gegenteil. Die frisierte WR entfaltet ihre Power so kultiviert und gleichmäßig wie das Serienmodell, nur um einige PS nach oben verschoben. Im Formationsflug preschen wir über die Äcker, die Yamaha 445 schenkt der Konkurrenz dabeikeinen Meter. Im Gegenteil, auf dem nassen und glitschigen Untergrund kann sie immer wieder das Tempo diktieren. Dann kommt die erste kleine Schlüsselstelle: ein tiefer, aber nicht allzu breiter Graben mitten in freier Flur. Mit Schwung und Gewicht auf dem Hinterrad auch bei hohem Tempo eigentlich kein Problem. Der Yamaha-Piiot macht das Gas kurz zu und gleich wieder voll auf. Sofort ist die WR auf dem Hinterrad und bügelt über das Hindernis wie nichts. Kein Ziehen am Lenker, kein Einfedern der Gabel, das geht einfach so.
Spontan abrufbar und zuverlässig zupackend, das ist der Charakter dieses Triebwerks. Dann wird's schwierig. Enge Waldpassagen, schlammig und morastig, mit steilen Auffahrten fast aus dem Stand und immer wieder querliegende Baumstämme. Seit der Sturm 'Lothar' ganze Waldabschnitte umgelegt hat, sind Passagen, die bisher schon knackig waren, nun auch nun auch noch mit Stämmen übersät. Was vor 'Lothars' Zeiten eine willkommene aber gelegentliche Geschicklichkeitsübung war wird nun in 100facher Ausführung zur Konditionsprobe für Mensch und Enduro. Bergos Yamaha WR445 entpuppt sich auch bei dieser Prüfung als ideales Spielzeug. Bevor der Pilot genötigt ist, das Vorderrad durch akrobatisches Reißen am Lenker über das Hindernis zu hieven, reicht ein kurzer Gasstoß in Kombination mit der notwendigen Gewichtsverlagerung.
Und genau hier erweist sich eine weitere Modifikation aus dem Haus Bergfeld als wahrer Segen: die Lenkererhöhung. Drei Zentimeter nach vorne und drei nach oben. Schon hat jeder Reiter ab 1,80 Meter Körpergröße die Idealposition auf der Yamaha. Was WR und YZ im Originalzustand immer wieder Kritik einbringt, ist durch dieses Teil ausgemerzt. Mit der neuen Lenkerposition können große Fahrer das brillante Handling des Serienfahrwerks voll nutzen. Gelegentliche Unkenrufe Über die Qualitäten der WR sind gänzlich unberechtigt und liegen oft an solchen Abstimmungs- und Anpassungsdetails. Einen weiteren Vorteil bringt die Lenkererhöhung: Beim Einsatz von konifizierten Alu-Lenkern im Pro- Taper-Stil ist bei den meisten Herstellern eine spezielle teure Gabelbrücke erforderlich. Bergos bietet sein Teil auch in einer Ausführung für Taper-Lenker an und somit Lenkererhöhung und Adapter in einem. So begeistert jeder Testfahrer über die 445er urteilt, bleibt doch ein Manko, das schon dem Serienmodell anhaftet. Mit seiner Hauptbestimmung und Herkunft aus dem Cross-Bereich hat der Fünfventiler eine sehr geringe Schwungmasse. Die ist zwar für das immens schnelle und spontane Hochdrehen verantwortlich, sorgt aber beim Enduroeinsatz vor allem in TrialPassagen immer wieder für ungewolltes Abwürgen des Motors. Doch auch an diesem Schönheitsfehler arbeitet Axel Bergfeld bereits mit Hochdruck. In der Entwicklung ist eine Massenvergrößerung für das Polrad, die optional auch für die serienmäßige WR angeboten werden soll. Da dieses Problem auch anderen modernen Viertaktern nicht unbekannt ist, will Bergos auch hier Abhilfe anbieten.
Im Laufe unseres Geländetages finden weitere Details Anklang: Die direkt verlegte Stahlflex- Bremsleitung beispielsweise, speziell von Lucas angefertigt. Bei der Serie macht die Bremsleitung eine unnötige Schleife um das untere Ende des linken Gabelholms. Neben den üblichen Vorteilen einer Stahlflex-Leitung ermöglicht die kurze Lucas - Ausführung eine selbstständige Entlüftung. Auch Sitzbankbezug und Dekorset von One machen nach hartem Einsatz noch einen guten Eindruck und verdienen das Prädikat empfehlenswert. Einzig der Schalldämpfer ist eine zwiespältige Angelegenheit. Nach umfangreichen Abstimmungsarbeiten hat Bergos den van-Hasselt-Dämpfer der Testmaschine aus dem umfangreichen Zubehör-Auspuff-Angebot für die Yamaha als beste Lösung ermittelt. Unter leistungsorientierten Gesichtspunkten ist diese Wahl tatsächlich optimal. Obwohl bereits die Enduro-Ausführung des van Hasselt zum Einsatz kommt, ist die Geräuschentwicklung aber zu groß. Der Dämpfer knallt ordentlich und schafft weder bei der Überlandrunde noch bei der technischen Abnahme zum Wettbewerb Sympathien. Eine Alternative bleibt hier der qualitativ zwar schlechte, aber relativ ruhige Originalauspuff. Auf dem Leistungsprüfstand kostet das knapp drei PS.
Nachdem die WR445 mit ihrer Performance auch auf dem abschließenden Rundkurs alle überzeugt hat, wollen selbst die eingefleischten KTM- und Husaberg-Piloten in unserer Gruppe auf dem Rückweg nochmal ein Stück mit der Power-Yamaha fahren. Zum Glück wird es in dieser Jahreszeit erst spät dunkel, so bleibt noch Zeit für einige Extra-Abstecher.